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28 January 201028 January 2010

 

Rede von Kulturstaatsminister Bernd Neumann anlässlich der Neueröffnung des Museum Folkwang am Donnerstag, 28. Januar 2010

Es gilt das gesprochene Wort.  

Anrede,

innerhalb von drei Wochen bin ich zum zweiten Mal in Essen, um den Neubau eines Museums zu eröffnen: am 9. Januar das Ruhrmuseum in der Zeche Zollverein, und heute das Folkwang Museum. Gerade in Zeiten einer Wirtschafts- und Finanzkrise, in denen auch die Kultur vor Einsparungen nicht sicher scheint, sind solche Termine absolute Höhepunkte. "Es ist, als ob hier eine andere Welt wäre." Dies sagte schon 1927 der Hamburger Museumsmann Max Sauerlandt angesichts des starken Rückhalts, den das damals seit 5 Jahren bestehende Folkwang Museum in der Stadt erfuhr.

Dem kann ich mich nur anschließen! Heute wie damals ist das Folkwang Museum jedoch nur durch mäzenatisches Wirken denkbar, ein herausragendes Beispiel für Public-private-Partnership, auch wenn man bei seiner Gründung den neudeutschen Begriff noch nicht kannte. 1922 schloss der Museumsverein, der die einmalige Folkwang-Sammlung von den Erben Karl Ernst Osthaus’ erstanden hatte, mit der Stadt einen Vertrag und übertrug ihr die Hälfte am Eigentum der Sammlung. Die Stadt verpflichtete sich im Gegenzug, für Bau, Unterhalt und Personal zu sorgen und zwar – ich zitiere – "in würdigen und geeigneten Räumen" und ohne zeitliche Begrenzung.

Lieber Herr Professor Beitz, für die "würdigen und geeigneten Räume" hat nun nicht die Stadt, sondern die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung mit einem Betrag von 55 Millionen Euro als alleinige Förderin gesorgt. Ohne Ihre großzügige Förderentscheidung vom Sommer 2006, gäbe es diesen wunderbaren neuen Museumsbau nicht. Ich sage von ganzem Herzen Danke – und dies auch im Namen der Bundeskanzlerin.

Dieses einmalige und bereits vor seiner Eröffnung höchst gelobte Gebäude wurde in der Rekordzeit von nur zwei Jahren realisiert.

Lieber Herr Chipperfield, vor gut drei Monaten haben wir gemeinsam das wunderbare Neue Museum auf der Museumsinsel in Berlin eröffnet. Welch‘ ein Unterscheid zwischen dem Folkwang Museum mit seiner Transparenz, Konzentration auf die Kunst und seine Öffnung in die Stadt und den mit so viel Respekt behandelten farbigen Räumen des Neuen Museums! Ich finde, gute Architektur, ein guter Architekt zeichnet sich durch Sensibilität und Anpassungsfähigkeit aus. Viele Architekten setzen heute allein auf die Wiedererkennbarkeit ihrer Handschrift. Das zeitigt manchmal geradezu brutale Ergebnisse, die nichts mehr mit dem Ort und seiner Geschichte und letztendlich auch mit den Menschen zu tun haben, für die ein Bau errichtet wird. Wie anders bei Ihnen!

Lieber Herr Chipperfield, danke für ihr wunderbares Wirken in Deutschland, vom Literaturmuseum der Moderne bis zum Folkwang Museum! Glückwunsch für den gelungenen Neubau hier in Essen! Das Museum Folkwang ist eines der wenigen Museen, das über eine aussagekräftige Sammlung amerikanischer Fotografie verfügt. Deshalb strebt Herr Direktor Fischer den Ankauf einer Fotoserie von Robert Frank mit dem Titel "From the Bus" an, ein Schlüsselwerk des Künstlers und zukünftig vermutlich ein Highlight der fotografischen Sammlung des Folkwang Museums. Ich kann heute mitteilen, dass der Bund dem Wunsch von Herrn Fischer, sich am Ankauf zu beteiligen, entsprechen wird, sobald die anderen Finanzierungsbeteiligungen geklärt sind.

Der Stadt Essen und allen Besuchern des Folkwang Museums wurde mit dem Neubau ein großartiges Haus für die Kunst geschenkt. Privates Engagement in der Kultur ist allerdings nicht beliebig wiederholbar, und es darf auf keinen Fall dazu führen, dass sich die öffentliche Hand aus der Förderung zurückzieht. Das Land Nordrhein-Westfalen, lieber Ministerpräsident Rüttgers, geht in den letzen Jahren mit seiner Verdoppelung der Kulturfördermittel da ja mit gutem Beispiel voran. Herr Oberbürgermeister Paß, ich hoffe, nein ich bin mir sicher, dass Sie trotz der finanziellen Lage, in der sich die Kommunen derzeit befinden, dieses Juwel zu schätzen wissen und alles tun werden, damit es in der deutschen und internationalen Museumslandschaft sein Feuer entfalten kann. Museen sind ja nicht nur Orte der Kontemplation, sondern sie haben eine große politische, gesellschaftliche und – das darf man nicht vergessen – auch eine eminent wirtschaftliche Bedeutung.

Kultur ist das Fundament, das den Strukturwandel des Ruhrgebietes trägt. Dass das Motto der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 "Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel" vom Gründer des Folkwang Museums, Karl Ernst Osthaus, stammt, ist aus meiner Sicht ein besonderes Zeichen für kreative Kraft, die das Ruhrgebiet aus seiner Vergangenheit für die Gestaltung der Zukunft ziehen kann.

Herr Dr. Fischer, Frau Eskildsen, Ihnen und Ihrem Team wünsche ich auch in Zukunft eine glückliche Hand und zahlreiche interessierte Besucher in diesem wunderbaren Haus inmitten der europäischen Kulturhauptstadt.


Rede von Ministerpräsident Dr. Jürgen Rüttgers anlässlich der Neueröffnung des Museum Folkwang am Donnerstag, 28. Januar 2010

Es gilt das gesprochene Wort.

Anrede

Heute eröffnen wir das Folkwang-Museum neu. Heute öffnen sich Blicke nach innen und außen. Mitten in der Weltwirtschaftskrise entstehen in Nordrhein-Westfalen neue Museen. Das ist nicht nur ein Ereignis.

Das neue Folkwang-Museum ist ein Jahrhundertereignis. Ein Jahrhundertereignis für Essen und die Metropole Ruhr. Für ganz Nordrhein-Westfalen. Nichts weniger.

Mit diesem Neubau, der selbst ein Kunstwerk ist, wird eingelöst, was der Gründer des Museums vor gut hundert Jahren wollte. Karl Ernst Osthaus hat bei der Einweihung am 9. Juli 1902 gesagt: „Durch das Spezialistentum unserer Zeit ist ein Riss in die Welt gekommen. Jeder sitzt auf seinem Zweige und weiß nichts vom ganzen Baum. Hier muss die Kunst eingreifen: vermittelnd, verbindend, auslösend, und so das All der Arbeit durchtränken.“

Der Künstler braucht künstlerische Freiheit. Aber die Kunst, die er schafft, ist der Kitt für die Einheit einer Gesellschaft.

Osthaus wollte Kunst und Kultur für alle Menschen zugänglich machen. Er wollte, dass sich alle Menschen danach sehnen. Deshalb nannte er sein Museum auch „Volksbildungsstätte“. Kunst sollte die sozialen Gegensätze verbinden und überbrücken. Die Risse in der Gesellschaft sollten gekittet werden. Menschen sollten wieder erfahren, dass sie auf einem Baum sitzen und nicht jeder nur auf seinem Zweig.

Und ein Weiteres: Osthaus wollte den Menschen die Kunst ihrer Zeit vermitteln: Kunst der Gegenwart. Um alle Menschen zu erreichen und zu begeistern – dafür wollte er die besten Kunstwerke und die besten Künstler seiner Zeit ausstellen.

Der Neubau vollendet die Ursprungsidee.

Mit diesem Neubau ist Ihnen, Herr Professor Chipperfield, etwas Einzigartiges gelungen. Ihr Bau vollendet die Idee von Karl Ernst Osthaus. Er öffnet das Museum zur Stadt. Zum Ruhrgebiet. Zu den Menschen. Jeder Raum ist beseelt von diesem Gedanken.

Ihre Arbeiten, Herr Professor Chipperfield, haben mit Recht die große Anerkennung gefunden, die sie verdienen. Dieser Bau ist Ihr bisher größtes Meisterstück: Kein schriller Effekt. Sondern ein Museumsbau: Edel, einfach, schlicht und ohne Pathos. Er ist zeitlos. Auch deshalb ist das neue Museum ein Jahrhundertereignis für die Stadt und für ganz Nordrhein-Westfalen.

Das möglich gemacht zu haben – dafür gebührt Ihnen, lieber Herr Professor Beitz, der Dank des Landes Nordrhein-Westfalen. Ihnen und der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Erst Ihre Entscheidung hat diese großartige Idee verwirklicht. Erst durch Sie wird die große Idee von Karl Ernst Osthaus erfahrbar. Karl Ernst Osthaus glaubte an die Menschen. An ihre Freude, Neues zu entdecken. An die Offenheit von Kunst und Kultur für alle Menschen. Das Folkwang-Museum hat die ursprüngliche Intention über 100 Jahre weiter getragen. Auch in schweren Zeiten. Hier wurde eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen für moderne und zeitgenössische Kunst zusammengetragen.

Jetzt wird der Neubau des Folkwang-Museums zum Symbol einer neuen Ära. Für eine Ära, in der Kunst und Kultur zum Markenzeichen der neuen Metropole Ruhr werden. Zum Markenzeichen von Nordrhein-Westfalen. Eine Ära, die den Gedanken lebt: Kunst zu schaffen, die im besten Sinne des Wortes zeitgenössisch ist – und damit alle Zeitgenossen erreicht.

Ich bleibe dabei: 

Wir erleben heute ein Jahrhundertereignis.


Rede von Oberbürgermeister Reinhard Pass anlässlich der Neueröffnung des Museum Folkwang am Donnerstag, 28. Januar 2010

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr verehrter Herr Professor Beitz,
sehr geehrter Herr Staatsminister Neumann, 
sehr geehrter Herr Ministerpräsident Rüttgers,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

Seit der Eröffnung des ersten Folkwang Museums-Neubaus sind 8 Jahrzehnte vergangen. In dieser langen Zeit wurde das Museum völlig zerstört, es wurde wieder aufgebaut und erweitert. 

Heute stehen wir hier und sind Zeugen für den Start in eine neue Ära des Museum Folkwang. Sein grandioser Neubau wird eröffnet – das ist ein bedeutender Tag für uns und unsere Stadt.

Darüber freue ich mich sehr und begrüße Sie alle herzlich. 

Allem voran und zu allererst möchte ich mich bedanken:

Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung mit Ihrem Vorsitzenden Professor Beitz hat diesen herausragenden Neubau als alleinige Förderin finanziert und den Bürgern der Stadt Essen gewidmet.

Herr Professor Beitz, ich danke Ihnen und der Stiftung von ganzem Herzen für dieses großzügiges Geschenk an die Menschen in unserer Stadt. Sie haben mit Ihrer Gabe ein Zeichen für die Kunst gesetzt und gleichzeitig erneut und nachdrücklich Ihrer Verbundenheit mit der Stadt Essen Ausdruck verliehen.

Sehr geehrter Professor Beitz, diese, Ihre Verbundenheit ist uns eine ganz besondere Ehre und erfüllt mich als Oberbürgermeister dieser Stadt mit einer tief empfundenen Dankbarkeit.

Denn: Der Neubau ist ein entscheidender Beitrag zur kulturellen, urbanen und sozialen Entwicklung und des Ruhrgebiets und steht damit in der Tradition der Folkwang-Idee.

Folkwang – das ist ein Gütesiegel. Von Beginn an stand dieser Name für eine herausragende Sammlung der modernen Kunst höchster Qualität. Bereits wenige Jahre nach der Eröffnung war das Museum nicht nur national sondern auch international bekannt und anerkannt. Sein Ruf als „schönstes Museum der Welt“ in den Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts ist für meine Begriffe auch eine Verbeugung vor den Menschen, die sich mit ihrem Herzblut und all ihrer Energie dieser Sammlung verschrieben haben.

Folkwang – das ist Tradition. Ganz im Sinne Karl Ernst Osthaus’ hat zeitgenössische Kunst seit Jahrzehnten hier ihren Platz; von Beginn an ist das Museum Folkwang offen für die Kunst der Gegenwart.

Dass wir in Essen eine solch einzigartige Sammlung besitzen, verdanken wir mehreren Faktoren. Man könnte auch sagen, wir hatten das Glück auf unserer Seite:

Wir haben 1921 eine bereits sehr umfassende und erstklassige Sammlung erstanden. Wir mussten somit nicht bei Null anfangen, wir konnten auf etwas aufbauen.

Noch wichtiger war aber, dass private Geldgeber und Stifter dieser Kunst in höchstem Maße zugetan waren. Ohne ihre großzügige finanzielle Unterstützung hätten wir schon den Erwerb der Sammlung niemals stemmen können. Denn es wäre der Stadt bereits damals unmöglich gewesen, die große Summe von 15 Millionen Reichsmark bereitzustellen. 

Nicht zuletzt haben zahlreiche gestiftete Werke die Sammlung über all die Jahre ergänzt und zu dem gemacht, was sie ist.

Fest steht: Wir können das bürgerschaftliche Engagement nicht hoch genug schätzen. 

Meine Damen und Herren, 

auch die heutige feierliche Eröffnung des Neubaus des Museums Folkwang steht in der Tradition privater und öffentlicher Kooperation. Finanziert durch die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung, konzipiert von David Chipperfield Architects und realisiert durch die Neubau Museum Folkwang Essen GmbH, einem Unternehmen der Wolff-Gruppe ist der Neubau dieses von Stadt und Museumsverein gemeinsam getragenen Museums ein neues und starkes Symbol für diese Kooperation. 

Deshalb möchte ich an dieser Stelle alle Beteiligten meinen herzlichen Dank aussprechen:

Dank David Chipperfield und seiner großartigen Architektur finden hier die kostbaren Werke einen perfekten Präsentationsraum. Ich spreche gewiss im Sinne aller, wenn ich sage: Das neue Gebäude für sich ist schon ein Kunst-Genuss. Daran werden zweifellos alle Besucherinnen und Besucher ihre wahre Freude haben! Herr Chipperfield herzlichen Dank für die wunderbare Architektur.

Ich danke außerdem allen, die hier so hart gearbeitet und es tatsächlich geschafft haben, dass das Museum rechtzeitig zum Beginn der „Kulturhauptstadt Europas 2010“ öffnet. Hier sind allen voran Herr Wolff und sein Mitarbeiterteam zu nennen, die den Bau in Rekordzeit fertig gestellt haben. Und auch in der Stadtverwaltung - in den Dezernaten Kultur, Stadtentwicklung und Bauen und Verkehr wurde das Projekt stets mit Hochdruck vorangetrieben. Namentlich will ich an dieser Stelle Herrn Dr. Fischer als Direktor des Museum Folkwang hervorheben, der unermüdlich am Gelingen des Projekts gearbeitet hat. Für diesen tollen Einsatz möchte ich allen Beteiligten an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich danken. Ein Jahr der kulturellen Superlative ohne Folkwang wäre einfach undenkbar gewesen.

Mein herzlicher Dank gilt natürlich auch Ihnen, Herr Dr. Puppel, und dem Folkwang-Museumsverein. Die Mitglieder haben entscheidend dazu beigetragen, dass der Name des Museum Folkwang heute diese Bedeutung hat. Ich bin sicher: Die historisch gewachsene und gute Zusammenarbeit mit der Stadt wird auch in Zukunft weiter bestehen.

Meine Damen und Herren, 

schon jetzt freue ich mich auf begeisternde Ausstellungen und wünsche uns allen ein herzliches „Glück auf“!


Rede von Dr. Hartwig Fischer, Direktor Museum Folkwang, anlässlich der Neueröffnung des Museum Folkwang am Donnerstag, 28. Januar 2010

Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr verehrter Herr Beitz, 
Sehr verehrte Frau Beitz,
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,
Sehr geehrter Herr Staatsminister,
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
Exzellenz,
Dear David Chipperfield,
Sehr geehrter Herr Wolff,
Meine Damen und Herren,

Am 23. August 2006 erreichte mich in London ein Anruf von Herrn Professor Beitz: „Es könnte für Sie von Interesse sein, sich morgen Mittag in meinem Büro einzufinden.“ Ich buchte um, und als ich direkt vom Flughafen bei Ihnen eintraf, sehr verehrter Herr Beitz, sagten Sie mir, in Gegenwart von Herrn Oberbürgermeister Reiniger: „Ich wollte Ihnen eigentlich nur sagen, dass das Kuratorium der Krupp-Stiftung einstimmig beschlossen hat, den Neubau des Museum Folkwang als alleinige Förderin zu finanzieren. – Und jetzt begleiten Sie mich bitte zur Pressekonferenz.“

Zum Staunen und zum Sprachlossein über dieses Wunder blieb damals wenig Zeit. Dass sich daran nichts ändern sollte, war sogleich bei der Pressekonferenz zu erfahren: Sie erwarteten grosse Architektur, einen Bau für die nächsten hundert Jahre, und Fertigstellung bis Anfang 2010. Im Übrigen sei das Budget einzuhalten. Und es sei sicherzustellen, dass die Empfängerin des Geschenks, die Stadt Essen, diesen Bau kontinuierlich in bestem Zustand erhält.

Sie selbst hatten nach der Rückkehr von Sylt erst am 22. August, innerhalb einer Stunde, die Zustimmung sämtlicher Kuratoriumsmitglieder erwirkt. Eine schnelle Entscheidung. Aber eine lange Vorbereitung. Denn dem Museum Folkwang sind Sie, sehr verehrter Herr Beitz, verbunden, seit Sie 1953 in Essen eintrafen, und mit seinem Direktor, Paul Vogt, dem Sie immer wieder bei wichtigen Erwerbungen für die Sammlung halfen, verband Sie ein reger Austausch, getragen von Ihrer besonderen Liebe für die Bilder der Expressionisten, von Nolde, von Schmidt-Rottluff; mit beiden Künstlern waren Sie befreundet. Als das Museum Folkwang 1978 die Fotografische Sammlung gründete, wäre dies ohne Ihre Unterstützung nicht möglich gewesen. Und es liesse sich hier vieles weitere anfügen.

Aber das Wunder von Essen speist sich auch aus einer anderen Quelle: Ihrem Interesse an Architektur. Schon in den frühen 60er Jahren brachten Sie Mies van der Rohe von New York nach Essen in der Hoffnung, hier die Krupp-Hauptverwaltung mit ihm zu bauen. Der Plan konnte nicht realisiert werden, aber bei unserem ersten Rundgang durch den Neubau Anfang November 2009 sagten Sie: „Ich hatte gehofft, dass es schön wird, und habe dabei immer wieder an Mies gedacht. Mein Wunsch ist in diesem Bau Wirklichkeit geworden.“ Grosse Architektur, ihrer Zeit verbunden und doch anderen Zeiträumen zugehörig. Être de son temps et être de toujours. 

Ein wunderbares Museum. Für eine großartige Sammlung. Es erfüllt, was wir uns erhofft hatten, ja es geht in seiner Schönheit und Funktionalität weit darüber hinaus. Wir sind uns bewusst, welche Gabe uns durch Ihre Entscheidung, Herr Beitz, zuteil geworden ist, welche Verpflichtung sich mit ihr verbindet – und können uns doch schon heute kaum noch vorstellen, was es bedeutet hätte, wäre Ihr Blick in die wunderbaren Wolken nicht von wunderbarer Eingebung beantwortet worden. Sie geben dem Museum Folkwang heute eine neue Zukunft. 

„Was immer die Zukunft für uns bereithält,“ schreibt einer der besten Kenner der Museumsgeschichte, Karsten Schubert, „das Museum bleibt eine außergewöhnlich anpassungsfähige Einrichtung, zutiefst verletzbar durch äußere Einflussnahme und doch von staunenswerter Robustheit. Das Museum ist die immerwährende offene Universität, die Vergnügen und Lernen verbindet wie keine andere Institution der modernen Gesellschaft. Seine Offenheit und Beweglichkeit, Anziehungskraft und Vielseitigkeit, seine Transparenz und, letztlich, seine Unbestechlichkeit machen das Museum zu einem der größten Werte der demokratischen Gesellschaft, zu einer Institution und zu einer Grundlage, die es zu verteidigen gilt um jeden Preis, und sei es, um einen Wandel zu fördern, von dessen Dimension wir uns heute noch keinen Begriff machen. Das Beste an Museen ist vielleicht dies: dass sie sich selbst unaufhörlich wandeln.“

Das Museum Folkwang, das Karl Ernst Osthaus 1902 in Hagen gründete, hat viele Wandlungen durchschritten. Nach Osthaus’ frühem Tod gelangte die Sammlung nach Essen, erworben von einer Gemeinschaft von Unternehmern und Förderern, die als Folkwang-Museumsverein am 29. Mai 1922 einen Gründungsvertrag mit der Stadt Essen schloss, in dem dieser die Hälfte des Eigentums an der Sammlung übertragen wurde, und sie sich im Gegenzug verpflichtete, für Bau, Unterhalt und Personal zu sorgen. Gemeinsam erklärten Stadt und Verein, das Museum nach besten Kräften zu fördern. Es hat in den folgenden Jahrzehnten immer wieder die Hilfe bedeutender Förderer erhalten. 

Der Neubau des Museum Folkwang ist heute ein weiterer, ja der wichtigste Schritt in der gemeinsamen Anstrengung. – Ich bin Ihnen dankbar, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, dass Sie sich in Ihrem Beitrag zu unserem soeben erschienenen Newsletter auf Hans Luther berufen, ihrem Vorgänger im Amt von 1918–1922 und späteren Reichskanzler. Luther war eine treibende Kraft beim Erwerb der Folkwang-Sammlung, der genau dieses Zusammenwirken von privaten Förderern und öffentlicher Hand 1922 mit politischem Weitblick, mit strategischem Geschick und Leidenschaft für die Kunst ins Werk gesetzt hat. Luther erkannte, dass gerade in Krisenzeiten – und das Ruhrgebiet musste in jenen Jahren eine Krise überwinden, deren Schärfe wir uns heute kaum noch vorzustellen vermögen – dass gerade in Krisenzeiten die Gegenwart einer solchen Sammlung, eines solchen Museums ein zentraler Ort der Identifikation, der Verständigung, der Selbsterkenntnis, des Glücks und der Freiheit ist. Auf dieser Grundlage hat sich das Folkwang zu einem der bedeutendsten Museen des Landes entwickelt, auf dieser Grundlage hat es selbst den furchtbaren Verlust durch die nationalsozialistischen Enteignungen überwunden, auf dieser Grundlage kann es auch in Zukunft wachsen.

Wir eröffnen den Neubau mit einer Präsentation der Sammlung Kunst nach 1950 und Kunst der Gegenwart, mit Ausstellungen aus den eigenen Beständen der Fotografischen Sammlung, der Grafischen Sammlung und des Deutschen Plakat Museums. Wenn die Arbeiten im Altbau des Museum Folkwang im Frühjahr abgeschlossen sind und im März die erste große Ausstellung eröffnet ist, meine Damen und Herren, werden Sie auch die Werke des 19. Jahrhundert und der Klassischen Moderne, von Caspar David Friedrich über Renoir, van Gogh, Gauguin und Matisse bis zu Beckmann wiederentdecken können. Uns war jetzt zunächst daran gelegen, neben den Hauptwerken der Malerei und Skulptur nach 1950 auch der heutigen Kunst Raum zu geben und zu zeigen, dass das Museum Folkwang nicht nur gegründet wurde als Museum für Gegenwartskunst, sondern dass es das auch heute noch ist. Wir freuen uns daher sehr, den Neubau des Museum Folkwang in Gegenwart von Manfred Osthaus, dem Enkel des Folkwang-Gründers, zu eröffnen, und in Gegenwart von Paul Vogt, dem Direktor des Museum Folkwang von 1963 bis 1988, dem unsere Sammlungen so viel verdanken. Beide heiße ich herzlich willkommen.

Wunder sind harte Arbeit. Damit sie wirklich werden und wirklich bleiben, bedarf es der Leidenschaft, der kreativen Energie, der Meisterschaft, der Entscheidungslust, der Besonnenheit, der Erfahrung, der Disziplin, des politischen Geschicks und guter Taschenrechner. Wir haben es als Glück und Abenteuer und als eine große Reise des Lernens empfunden, an der Realisierung des Neubaus mitzuwirken.

Sehr verehrter Herr Beitz, Sie haben den Fortgang der Arbeit genau verfolgt, immer haben wir uns in den vergangenen Jahren auf Ihre Unterstützung verlassen können. Es wäre ohne sie nicht möglich gewesen. Und als wir von der Gestaltung des Parks an der Goethestrasse und den Oberlichtern im Altbau sprachen, haben Sie uns erneut sofort geholfen.

Wir danken David Chipperfield für diese Architektur, für das offene Gespräch, für den Austausch über so viele Fragen und über so viele Details, die wesentlich sind, damit Sie, meine Damen und Herren, beim Besuch alles für selbstverständlich halten und nicht darüber nachdenken, warum Sie sich hier so wohl fühlen: die schönen Proportionen, die Offenheit, das lebendige Licht, den Esprit der Gastfreundschaft, den dieser Bau ausstrahlt. Das Geheimnis großer Architektur. Es ist ein starkes Erlebnis, einen solchen Architekten bei der Arbeit zu begleiten. Unser Dank gilt ebenso seinen Mitarbeiterinnen, allen voran Alexander Schwarz, dem Design Director des Neubaus, und Eberhard Veit, für die Schönheit und Klarheit, für die Einfachheit und Eleganz dieses Museums.

Um den Neubau zu realisieren, bedurfte es eines Bauherrn, der bereit war, das Wagnis einzugehen, die überaus schwierige Balance von Zeit, Geld und Qualität herzustellen und bis zum Schluss durchzusetzen. Wir danken Klaus Wolff, der diese Herausforderung mit einer schier unerschöpflichen Energie angenommen und gegen alle Fährnisse und gegen alle Hindernisse bravourös zum Erfolg geführt hat, mit außerordentlicher unternehmerischer Intelligenz, Willensstärke und unbestechlichem Auge, mit einem beispielhaften Einsatz für das Museum Folkwang. Wir danken allen seinen Mitarbeitern für die ausgezeichnete Arbeit, Jens Balke, der alles im Voraus berechnen musste, Lorenzo Piqueras, der dem Museum half, genauer zu verstehen, was es wollte, und immer wieder entscheidende Verbesserungen einbrachte, Dieter Deichsel, der in kurzer Zeit die Ausführungsplanung bewältigte und abends um elf wie morgens um fünf erreichbar war, Sven Lemke, der unbeirrbar den Bau hochzog, und Meik Bellenbaum und Kai Zetzsche, die sicherstellten, dass wir rechtzeitig in Betrieb gehen konnten. 

Wir danken dem Rat und der Verwaltung der Stadt Essen, die das Vorhaben mitgetragen haben und Hindernisse aus dem Weg räumten, Ihnen, Herr Oberbürgermeister und Ihrem Vorgänger, Herrn Dr. Reiniger, sowie Herrn Stadtdirektor Hülsmann für Ihre große Unterstützung, Herrn Scheytt, der die Verwandlung der Essener Museen mit Weitblick und politischem Geschick eingeleitet hat, Frau Raskob, die der Lenkungsgruppe vorstand und sich unermüdlich für das Neubau-Projekt eingesetzt hat, Christian Kromberg, Rüdiger Kersten, Stefanie Frevel, Uwe Gummersbach, Bernd Jacobs für die kluge und effiziente Unterstützung.

Ich danke den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Museum Folkwang, die sich mit Leidenschaft für das neue Museum Folkwang eingesetzt haben. Ich empfinde es als Privileg, mit diesen engagierten Kolleginnen und Kollegen zusammenzuarbeiten, und ich bin stolz auf das, was sie gemeinsam geleistet haben Ich bitte um Verständnis, wenn ich an dieser Stelle nur eine nenne, Ute Eskildsen, die das Projekt vorausgedacht, mitgeprägt und mitgetragen hat, kenntnisreich, kritisch, differenziert, und gegenwärtig auch in den schwierigsten Momenten.

Es ist keine Selbstverständlichkeit, ein Museum zu errichten. Aber eine Notwendigkeit. Warum? Weil das Museum der Ort der Gabe ist. Was ist die Gabe? Die Gabe schafft eine Beziehung zwischen Gebendem und Nehmendem, sie verpflichtet, aufgenommen, verwandelt und verwandelt zurückgegeben zu werden. Indem die Gabe zirkuliert, verständigen wir uns über das, was wir sind, was der Mensch ist, in seinem Reichtum, seiner Gefährdung, seiner Schöpferkraft, seiner Zerstörungslust. Kunstwerke sind eine Gabe, was wir in der Begegnung mit ihnen erfahren, wird uns geschenkt. Die Gabe ist der Beginn und die Grundlage menschlichen Zusammenseins. Das Museum ist der Ort der Gabe. Deswegen steht das Museum im Zentrum unserer Gesellschaft.

Sie haben uns allen, sehr verehrter Herr Beitz, durch die Krupp-Stiftung ein Haus geschenkt, damit wir es zu diesem Ort der Gabe machen. Wir danken Ihnen.

 

 

 
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