Weltweit sammeln

Archäologie, Weltkunst,
Kunstgewerbe

Der Gründer des Museum Folkwang, Karl Ernst Osthaus, verfolgte mit seiner seit 1902 in Hagen zugänglichen Sammlung den Anspruch, Kunstwerke und Artefakte verschiedener Kulturen und Epochen auszustellen – einerseits zur allgemeinen Bildung und andererseits, um die Formgebung der Gegenwart zu inspirieren. Ein bekannter Besucher des Sammlers und seines Museums, der Maler August Macke, fasste seinen Eindruck so zusammen: „Er hat die besten Modernen, auch alte Sachen, viel Ägyptisches, Griechisches, Indisches, Gotisches und Italienisches. Wir waren ganz jeck, wie man hier sagt.“

Die Zusammenschau von Werken antiker und nicht-europäischer Kulturen mit Gemälden und Skulpturen der europäischen Avantgarde war und ist ein Merkmal des Museum Folkwang, anfangs in Hagen, seit 1922 in Essen. Doch die Sammlung des Bestandes Archäologie, Weltkunst und Kunstgewerbe hat im Laufe der Jahrzehnte immer wieder Veränderungen erfahren: Es gab bedeutende An- und Verkäufe sowie kriegsbedingte Verluste, die nicht nur die Werke selbst, sondern auch das vorhandene Wissen betrafen. Das Konzept, europäische und nicht-europäische Kunst nebeneinander zu zeigen wurde dabei in unterschiedlicher Intensität fortgeführt.
Blickt man heute auf die Sammlung, die mehrere Sammlungsschwerpunkte in sich vereint, nämlich antike Werke, außereuropäische Objekte und Gebrauchsgegenstände als Beispiele für Gestaltungskunst, lassen sich differenzierte Sammlungskonzepte erkennen, die von 1902 bis in die 1980er Jahre durch Erwerbungen konkretisiert und umformuliert wurden. Unter dem Titel Weltweit sammeln sollen einige dieser Konzepte und Entwicklungen durch die Objekte angedeutet werden.

Auf den ersten Blick vielleicht nicht unmittelbar ersichtlich, verbirgt sich im Helm/Helmet/Yelmo des Künstlerduos Los Carpinteros eine nach Herkunftsort und Erwerbszeitraum sortierte Ordnung. Sechs Ebenen zeigen in den zueinander versetzten Waben die grob umrissenen geographischen Räume Afrika, Ostasien, Westasien, Europa sowie Amerika. Die Werke sind von links nach rechts gemäß ihrer (nicht ausnahmslos gesicherten) Erwerbsdaten sortiert. Die Installation Helm/Helmet/Yelmo ermöglicht durch die Vitrinen ungewohnte „Nachbarschaften“, die neue Bezüge und Vergleiche aufzeigen. Außerhalb des Helms sind Werke aus Ozeanien versammelt.
Die Sammlung auf diese Weise zu ordnen, eröffnet viele Fragen zu den Objekten: Datierungen erweisen sich als unsicher, manche geographische Zuordnung ist mit einem Fragezeichen versehen.
Ganz zu schweigen von den Kenntnissen zu historischen Funktionen der Gegenstände, die sich kaum in wenigen Begriffen adäquat beschreiben lassen oder ganz fehlen.

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Ein Großteil des Wissens zu diesen Werken wurde erst im Nachhinein und häufig nur lückenhaft aufgespürt und rekonstruiert – ein Prozess, der immer noch nicht abgeschlossen ist und neue Wege der Forschung erforderlich macht, etwa Kooperationen mit Wissenschaftler_innen aus den Herkunftsländern.
Sammler und Verkäufer schätzten die Objekte für ihre Schönheit, Exotik und als Zeichen eines globalen Denkens, oder wie es Karl Wirth 1919 formulierte: „Noch niemals in der Weltgeschichte hat ein geographisch so restloses Umfassen der Erde stattgefunden wie in der Jetztzeit. (…) Dem modernen Menschen, der an keine Tradition, Zunft oder lokale Gemeinschaft mehr gebunden ist, stehen alle Dokumente und Werte des Lebens der Vergangenheit der Erde offen.“ Doch die neuen Besitzer erarbeiteten häufig erst nach dem Kauf Kenntnisse über ihre Erwerbungen, und nicht alle waren korrekt. Die Erwerbsgeschichte der Objekte wurde kaum problematisiert.

Grundlegend für den Umgang mit Objekten ist die geographische Herkunft. Darauf aufbauend lässt sich bestimmen, ob das Werk typisch für eine künstlerische Entwicklung oder einen (rituellen) Gebrauch war, ob es eine Meisterleistung darstellt oder einen Sonderstatus innerhalb einer Entwicklung einnimmt.
Als ersten Schritt der Annäherung ordnet die Präsentation Weltweit sammeln die Exponate also nach Regionen. Unmittelbar mit der Frage nach der Herkunft ist jedoch auch die Frage nach der Rechtmäßigkeit des Erwerbs verknüpft: Unter welchen Umständen haben die Objekte den Besitzer gewechselt? War die Art des Wechsels rechtens? Welche Rolle spielt koloniales Denken und Handeln dabei?
Als Osthaus seine ersten Ankäufe tätigte, existierten weltweit zahlreiche Kolonien unter europäischer Herrschaft, in denen nicht nur die Ausbeutung von Ressourcen und Arbeitskraft, sondern auch der Export von Werken aus den Bereichen Kunst, Ritual und Alltagsgebrauch gängige Praxis waren. Ob solche Exportgüter durch Raub oder einen gültigen Kauf auf Augenhöhe erworben wurden, ob die Werke aus einem rituellen Kontext stammten oder eigens für den Handel für ausländische Käufer produziert wurden, ist nicht leicht zu ermitteln. Diese Problematik gilt auch für die Werke, die in den 1950ern oder 1960ern für das Museum Folkwang angekauft wurden, da auch für sie häufig kaum eine nachvollziehbare Erwerbsgeschichte vorliegt.
Jedes einzelne Exponat steht also für eine Menge Fragen, deren Beantwortung tiefergehende Forschung erfordert. Die Ausstellung dient zunächst dazu, einen Einblick in die Sammlung und ihre Schwerpunkte zu geben. Die Daten, die auf der Website des Museum Folkwang zur Ausstellung hinterlegt sind, zeigen den aktuellen Wissensstand.