Geschichte

Die Anfänge
Im Jahr 1978 entschied sich Paul Vogt, von 1963 bis 1988 Direktor des Museum Folkwang, eine fotografische Abteilung zu gründen; für diese Aufgabe konnte er die Kuratorin Ute Eskildsen gewinnen. Das Interesse und das Engagement für das Bildmittel Fotografie sind mit dem Namen Folkwang jedoch schon länger verbunden. Bereits ein Jahr nach der Gründung des Museum Folkwang 1902 in Hagen durch Karl Ernst Osthaus fand eine erste Ausstellung zur internationalen Berufsfotografie statt. Im Jahr 1912 wurden dann im Rahmen einer für die USA organisierten Kunstgewerbeausstellung Bilder von Hugo Erfurth, Rudolf Dührkoop, Nicola Perscheid und Jacob Hilsdorf gezeigt.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden in Essen – unter dem Einfluss von Kurt Wilhelm-Kästner, der von 1923 bis 1933 am Museum Folkwang wirkte – die neuen Tendenzen in der Fotografie der 1920er Jahren vorgestellt. Noch vor der legendären Werkbundausstellung „Film und Fotografie“ initiierte Wilhelm-Kästner 1929 das Projekt „Fotografie der Gegenwart“, begleitet unter anderem von einem Vortrag László Moholy-Nagys über „Fotografie und Film der Zukunft“. Dieser Schau folgte 1931 als Übernahme aus München die Ausstellung „Das Lichtbild“, die in Zusammenarbeit von Wilhelm-Kästner und Max Burchartz, der damals an der Folkwangschule für Gestaltung Grafik und Fotografie lehrte, um eine „systematische Abteilung“ ergänzt wurde. Mit Beispielen, unter anderem aus der Burchartz-Klasse, wurden gestalterische Bedingungen und Möglichkeiten einer fotografischen Darstellung anschaulich gemacht. Noch vor seiner Entlassung 1933 gelang es Wilhelm-Kästner, der französischen Bauhaus-Schülerin Florence Henri eine erste Einzelausstellung im Museum Folkwang auszurichten.

Zwei weitere Namen sind im Rückblick auf die fotografische Tradition in Essen wichtig. Albert Renger-Patzsch unterhielt im Museum Folkwang von 1929 bis 1944, dem Jahr der Zerstörung des Gebäudes, sein Atelier, und in dieser Zeit entstand sein umfangreicher Werkteil über das Ruhrgebiet. 1933 war er außerdem kurzfristig als Lehrer an der Folkwangschule tätig. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es Werner Graeff, Autor des 1929 erschienenen, programmatischen Buches „Es kommt der Neue Fotograf“, der gemeinsam mit dem für den Vorkurs wieder eingestellten Max Buchartz an die in den 1920er Jahren entwickelte Gestaltung anzuknüpfen suchte.

Otto Steinert
Im Jahr 1959 wurde Otto Steinert an die Folkwangschule für Gestaltung berufen, wo er die Werkgruppe Fotografie übernahm. Im gleichen Jahr begann er mit der Ausstellung »Hundert Jahre Photographie 1839 – 1939 aus der Sammlung Gernsheim« seine Gastkuratorentätigkeit am Museum Folkwang. Bis zu seinem Tod 1978 organisierte er jährlich eine Folge der Ausstellungsreihe »Beiträge zur Geschichte der Fotografie«. Schon in Saarbrücken, wo Steinert an der »Staatlichen Schule für Kunst und Handwerk« gelehrt hatte, galt sein Bemühen dem Aufbau einer Fotografie-Fachbibliothek, darüber hinaus konnten durch seine Kontakte erste Ankäufe von Fotografien für das Saarlandmuseum in Saarbrücken getätigt werden.

Unmittelbar nach seiner Berufung nach Essen hatte Otto Steinert angeregt, eine Studiensammlung zur Geschichte der Fotografie anzulegen. Erstaunlicherweise gelang es ihm schon 1961, die Kulturpolitiker der Stadt Essen von seinem Plan zu überzeugen, wobei die Präsentation der Gernsheim-Sammlung eine kluge Einstimmung gewesen war. So konnte Steinert bereits in diesem Jahr auf einer Fotografie-Auktion in Genf, ausgestattet mit 25.000 DM, den entscheidenden Grundstock für eine zukünftige städtische Sammlung ersteigern. Allein 144 Kalotypien der schottischen Portraitisten David Octavius Hill und Robert Adamson konnten damals zu einem Preis von 8.500 DM erworben werden, zudem eine erlesene Auswahl von Architekturfotografien des 19. Jahrhunderts. Im Verlauf der fast zwanzigjährigen Lehrtätigkeit Steinerts in Essen wuchs die Sammlung um Werkgruppen z.B. von Heinrich Kühn und Hugo Erfurth, um Arbeiten u.a. von László Moholy-Nagy, Florence Henri oder Aenne Biermann und um Bilder von Zeitgenossen des Fotografen Steinert. Durch Otto Steinerts Engagement im Lehr- und Ausstellungsbereich erhielten sowohl die fotografische Ausbildung als auch für die Rezeption der Fotografiegeschichte in Deutschland entscheidende Impulse.

Die Fotografische Sammlung seit 1978
Dem damaligen Direktor des Museum Folkwang Paul Vogt ist es zu verdanken, dass nach Otto Steinerts Tod 1978 die ca. 3.500 Fotografien umfassende Studiensammlung der Folkwangschule für Gestaltung an das Museum Folkwang als Basis für die Gründung einer eigenständigen Abteilung übergeben wurde. Obwohl die Folkwangschule für Gestaltung 1972 in die Gesamthochschule Essen integriert wurde, die Trägerschaft also von der Stadt Essen auf das Land Nordrhein-Westfalen überging, stand die mit städtischen Mitteln aufgebaute Fotografie-Samlung vorerst weiterhin ausschließlich für die Lehre in den Schulräumen zur Verfügung. Mit der Einrichtung der Abteilung »Fotografische Sammlung im Museum Folkwang« im Herbst 1978 wurde dann der damals in Deutschland einmalige, von Otto Steinert initiierte Teil der Fotografenausbildung – die Lehre der Fotogeschichte anhand von Originalbeispielen – beendet. Von nun an war die Sammlung öffentlich zugänglich, und ihr Bestand wurde durch zahlreiche Publikationen bekannt gemacht. Aus der Zusammenarbeit von Paul Vogt und Ute Eskildsen entwickelten sich enge Kontakte zu regionalen Stiftungen, durch deren Förderungen die Sammlung bis heute entscheidend erweitert werden konnte.

Mit Hilfe der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und dank des persönlichen Engagements von Berthold Beitz wurden sowohl die private Bildersammlung und die Bibliothek als auch später der fotografische Nachlass Steinerts für das Museum Folkwang gesichert und ein umfangreiches Konvolut zum Werk August Sanders, zur Portraitfotografie der 1920er Jahre und zum Fotogrammwerk von László Moholy-Nagy erworben.
Von 1978 bis 1983, bis zur Fertigstellung des Neubautraktes des Museums Folkwang, verblieb die Fotografische Sammlung in den Räumen der Folkwangschule in Essen-Werden. In diesen Jahren erfolgte die Katalogisierung der Bestände. Im Herbst/Winter 1983 präsentierte sich dann die Sammlung mit der Ausstellung »Die Fotografische Sammlung« im Museum Folkwang und zeigt seither ein vielfältiges Ausstellungsprogramm, das das weite Spektrum fotografischer Aktivitäten – historischer wie gegenwärtiger – vermittelt. Darüber hinaus wurden in der Fotografischen Sammlung seit 1982 verschiedene Stipendienprogramme entwickelt, die sowohl der Förderung der fotografischen Produktion und Publikation und als auch der Ausbildung des kuratorischen Nachwuchses dienen.