dis order

Eine kurze Geschichte

der Unordnung

In den letzten Jahrzehnten haben geometrische Muster wie Streifen oder Raster nicht mehr den Stellenwert eines für die Gegenwart signifikanten Zeichens. Die Postmoderne hatte bereits den Fortschritt, das Modell der Linearität in der Geschichte, in Frage gestellt. In seiner These der Liquid Modernity (dt. Flüchtige Moderne) wertet der Soziologe Zygmunt Baumann Raster und gerade Linien als ungeeignete Bilder der Gegenwart. Stattdessen charakterisiert er unsere heutigen sozialen Bindungen als flüchtig, als permanent in Bewegung begriffen.

Da ist ein Bruch in allem…
Eine strenge Serialität hatte die Fotografie der Neuen Sachlichkeit geprägt. Die Fotografen der in den 1950er Jahren gegründeten Gruppe Fotoform knüpften an den abstrahierenden Blick der Vorkriegszeit an, suchten aber nach einem subjektiven Ausdruck. Otto Steinert gründete aus dieser Gruppe schließlich die „Subjektive Fotografie“. In seinen Fotografien und denen von Peter Keetman oder Toni Schneiders sind nicht nur minimalistische Muster, Steifen, Raster etc. zu erkennen, immer wieder ist auch ein besonderes Interesse an den Unterbrechungen in den Wiederholungen zu bemerken.

Zufall
Die Erzeugung einer zufällig wirkenden Struktur ist eine schwierige Herausforderung. Das menschliche Auge sucht in Allem Muster wiederzuerkennen, selbst wenn objektiv keine vorhanden sind. Die Faszination für das Nichtlineare, Unregelmäßige, Chaotische, natürlich Wirkende reicht bis in die 1950er Jahre zurück. Die Relativitätstheorie von Albert Einstein und die Unschärferelation von Werner Heisenberg forderten die Entwicklung einer neuen, nichtlinearen Mathematik heraus. Als sich Mark Tobey in seinen All-over-Paintings bemühte, jede rationale Gliederung aus seiner Malerei auszuschließen, stand der Zufall im Zentrum der Diskussion der Künstler in New York.

Strukturen
Die Fotografen der Gruppe Fotoform gingen in ihrem Interesse an Abstraktion und Strukturen noch einen Schritt weiter. Sie setzten Vergrößerungen, mikroskopische Aufnahmen ein, um neue abstrakte Bilder zu erzeugen, denen keine Gegenständlichkeit mehr anzusehen war. Auch hiermit knüpften sie an die Vorkriegszeit an, als August Kreyenkamp beispielsweise seine Makrofotografien auf Gemäldeformat vergrößerte. So drangen sie in Formebenen ein, für die sich zeitgleich Mathematiker zu interessieren begannen: Kristalle, Fraktale, selbstähnliche Strukturen. In diesen Strukturen wiederholen sich nicht identische Elemente, sondern „ähnliche“. Sie sind Varianten einer Regel. Zudem ist die Art der Wiederholung ungleichmäßig.

Schwärme und Rauschen
Seit den 1990er Jahren ermöglichen Logarithmen chaotische Phänomene in der Computergrafik zu visualisieren. Dadurch wurden Begriffe wie Schwärme oder Netzwerke für die Sozialwissenschaften interessant. Es wurde möglich, das heterogene Verhalten von Menschengruppen als Szenarien zu berechnen. Das Informelle hat dadurch wieder an Aktualität gewonnen. In Gruppen löst die Selbstähnlichkeit die identische Reproduktion – wie etwa beim Militär – ab, der Schwarm das starre Raster. Die letzte Stufe der Unordnung bildet jedoch das Rauschen, wie in der Arbeit Diaspern von Katharina Hinsberg. Der Schwarm der Bleistiftstriche wurde hier von der Künstlerin herausgeschnitten. Was geblieben ist, ist ein diffuses Spiel der Schatten.

Zurück zu dis order...

Gerhard Richter, Ausschnitt, No. 271, 1970, Öl auf Leinwand, © Gerhard Richter 2014 (Abb. links)

Mark Tobey, Remote Space, 1962, Tempera auf Leinwand, © VG Bild-Kunst, Bonn 2014 (Abb. rechts)

Peter Keetman, Struktur. Farbe und Holz, 1950, Bromsilbergelatine, © Museum Folkwang (Abb. links)

August Kreyenkamp, Makrostruktur, um 1935, Bromsilbergelatine, © Museum Folkwang (Abb. rechts)

Katharina Hinsberg, Diaspern, 2005 (Detail), Graphit auf Papier, ausgeschnitten
© Katharina Hinsberg, Foto: Museum Folkwang, Denis Bury

Adrian Sauer, 16.777.216 Farben, 2010/2011 (Detail), Digitaler C-Print
© Adrian Sauer, Leipzig, Foto: Museum Folkwang, Denis Bury