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Formensammlungen

In seinen Anfängen war das Museum Folkwang unter anderem als Inspirationssammlung für moderne Gestalter gedacht. Karl Ernst Osthaus stellte 1904 erstmals im Museum Folkwang Hagen einen Teil seiner historischen Stoffsammlung aus; nur kurze Zeit später folgte eine Präsentation zeitgenössischer Stoffe von Otto Behrens. Osthaus war der Textilproduktion nicht nur durch die Industrie der Region verbunden,  ihm erschien das Textile besonders geeignet, Kunst und Gewerbe zusammenzuführen.

Damit nahm Osthaus ein Sammlungskonzept auf, das im Arbeitsprozess vieler Gestalter eine wichtige Rolle einnimmt: Künstler und Designer setzen sich oft in Studienreihen oder Inspirationssammlungen mit Mustern und Strukturen auseinander. Sie sammeln Zeichnungen, Grafiken, Motive mit der Foto- oder auch mit der Filmkamera. Manchmal entwickeln sich daraus eigene Werkkomplexe.

Das Museum Folkwang verwahrt bis heute eine umfangreiche Textilsammlung. Karl Ernst Osthaus kaufte die ersten der über 200 Objekte umfassenden Gruppe auf
seinen Orientreisen kurz vor 1900 und baute die Sammlung in den Folgejahren weiter aus. Der Bedeutung des Textilen für Karl Ernst Osthaus und die Sammlungen des Museum Folkwang geht der Essay von Christoph Dorsz nach.

Die unendliche Wiederholung der Industrialisierung
Die produktionstechnische Umsetzung stellt besondere Anforderungen an den Entwurf von Stoffmustern: Das Muster muss wegen der Begrenzung des Webrahmens horizontal addierbar sein und sich zugleich vertikal wiederholen lassen, daraus entsteht der sogenannte Rapport. Der Rapport zeigt die endlose Reproduktion des gleichen Elementes und kann daher paradigmatisch für die serielle Produktion in der Industrialisierung stehen, zumal Webereien den ersten industrialisierten Produktionszweig bildeten.

Malerische Abstraktion und Ornament in der Moderne
Mit der Verdammung des Ornaments durch Adolf Loos und dem Dogma der „Reinen Form“ in der Neuen Sachlichkeit scheint das Ornament in den 1920er Jahren aus der Gestaltung gänzlich verschwunden zu sein. Doch hat es in Gestalt der abstrakten Malerei überlebt: In der Abstraktion von realen Motiven, in der Flächigkeit und Reihung,  im Gebrauch von einfachen Mustern. Zwar verschwanden die historischen Ornamentstile, aber das Ornamentale blieb eines der Prinzipien der Massengestaltung. Durch die Pop-Art tauchten diese Trivial-Muster schließlich auch wieder in der Kunst auf.

Muster nach der Natur oder nach den Regeln der Geometrie
Das Bild von Sigmar Polke repräsentiert motivisch die beiden möglichen Entwurfsprinzipien von Mustern: Zum einen die mathematisch-geometrische Form, zum anderen die Abstrahierung von der Natur. Die Gestalter der Reformbewegungen um 1900 strebten danach, neue Muster zu entwerfen. Dafür wandten sie sich „vergessenen“ Stilen wie der Gotik, fremden Kulturen oder dem Studium von Naturformen zu. Die Grundprinzipien wie Streifen, Punktraster und Linienraster finden sich in allen Kulturen der Menschheit. Dennoch können Grundmuster unterschiedlichste Bedeutungen und Kontexte haben. Der ausgestellte ägyptische Stoff aus dem 4. Jahrhundert zum Beispiel ist nur ein Übungsstück, das abstrakte Muster auf dem Tapa-Gewebe hingegen verweist in Neuseeland auf die familiäre Zugehörigkeit.

Gegenwärtig ist ein besonderes Interesse an komplexen Mustern festzustellen. Der Künstler Terry Winters entwickelt seine Gemälde aus Überschneidung und Überlagerung von Mustern wie zum Beispiel von Parkettierungen. Dieses Muster basiert auf einem Mosaik unterschiedlicher Grundelemente wie Sternen oder Rauten.
Solche Muster werden in der islamischen Kunst seit dem 12. Jahrhundert angewendet. Sie überziehen ganze Architekturen, zum Beispiel in Form von Keramikfliesen. Die maurischen Fliesen des Museum Folkwang trug der Architekt und Bauhausdirektor Walter Gropius für Karl Ernst Osthaus zusammen.

Komplexe Muster der Gegenwart
Die Stoffmustersammlung des Museum Folkwang wurde nach dem Tode des Gründers nicht fortgesetzt. Die Ausstellung wird daher um eine Auswahl von Stoffmustern wichtiger zeitgenössischer Designer durch eine großzügige Leihgabe von designform, Essen, ergänzt. Designer wie Erwan und Ronan Bouroulec, Hella Jongerious oder Patricia Urquiola arbeiten mit Mustern, die mit Unterbrechungen abstrakter Ordnungen spielen oder vom Computer generiert wurden.

Grundmuster: Streifen, Zick-Zack, Punktraster und Linienraster
Da textile Gewebe aus vertikalen und horizontalen Fäden, Kette und Schuss, bestehen, sind diese Muster in der Textilgestaltung besonders weit verbreitet. In der Malerei waren Grundmuster wie Punktraster, Streifen und Linienraster seit den 1920er Jahren immer wieder Ausgangspunkt abstrakter Malerei. Künstler der Konkreten oder Kinetischen Kunst haben diese Muster verwendet, um rein geistige, abstrakte Vorstellungen umzusetzen, ohne jede Symbolik oder Objektbezug. Sie haben in den 1950er und 1960er Jahren systematische Studien zu den optischen Wirkungen der visuellen Grundmuster betrieben und dabei u.a. den Einfluss von Bewegung – der Bewegung des Betrachters oder der Bewegung im Bild selbst – untersucht. Diese künstlerische Auseinandersetzung lässt sich im Besonderen in den Grafikserien nachvollziehen. Gegen Ende der 1960er Jahre beginnen Künstler wie Gerhard von Graevenitz die neuen Möglichkeiten des Computers für ihre Grafikserien einzusetzen, um die unendlich vielen Varianten eines Bewegungsprozesses festzuhalten und abzubilden.

 

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Ägypten, Übungsstück mit Noppendekor, 4.–5. Jh., Wolle auf Leinengewebe
© Museum Folkwang (Abb. links)

Ludwig Windstosser, Ohne Titel (Struktur), aus: 11 Variationen zu einem Thema, 1949, Bromsilbergelatine, © Ludwig Windstosser / Museum Folkwang (Abb. rechts)

Sigmar Polke, Ohne Titel,1996, Dispersionsfarbe auf Stoff
© The Estate of Sigmar Polke, Cologne / VG Bild-Kunst, 2014 (Abb. links)

Spanien, Musterpaneel: 64 Wandfliesen , 15.–17. Jh., Gebrannter Ton, glasiert, Cuerda-seca- und Cuenca-Technik, © Museum Folkwang (Abb. rechts)

Terry Winters, Tessellations, 2010, Öl auf Leinwand, © Terry Winters

Ausstellungsansicht mit zeitgenössischen Stoffen in der Vitrine
© Museum Folkwang, Foto: Denis Bury

Japan, Wattiertes Schalenfutteral, 19.Jh., Kettatlas, Seide
© Museum Folkwang (Abb. links)

Gerhard von Graevenitz, Weiße Dreiecke auf Schwarz, 1963, Serigrafie
© VG Bild-Kunst, Bonn 2014 (Abb. rechts)