Otobong Nkanga

Tracing Confessions

Von Marcel Schumacher

Eine Schale liegt in der Fläche einer Hand – es ist eine steinerne Hand. Die Künstlerin Otobong Nkanga hat während ihrer Recherche in den Sammlungen des Museum Folkwang ein Objekt ausgewählt, das viele Erzählungen und Fragestellungen bündelt. Es handelt sich nicht um einen Gebrauchsgegenstand, diese Nachbildung einer menschlichen Hand hält selbst einen Gegenstand, eine Schale oder Scheibe. Welche Aussage soll die Geste dieser Hand vermitteln: ein Zeigen, Halten, Anreichen? Die Hand scheint von einer Statue abgebrochen zu sein und trägt Brandspuren am Armansatz. Die Künstlerin hat sich ein rätselhaftes und vieldeutiges Objekt ausgewählt. Wahre und denkbare Geschichten rund um diese Hand breitet sie auf Zeichnungen, Fotografien, Objekten und Ausstellungsmöbeln in einer Installation im Museum Folkwang aus.

Otobong Nkanga wurde von der Kunststiftung NRW im Rahmen des Projektes 25/25/25 eingeladen, ein Porträt des Museum Folkwang zu erarbeiten und als Plakat umzusetzen. Die Kunststiftung NRW hat aus Anlass ihres 25-jährigen Bestehens 25 Museen in NRW je ein solches Porträt geschenkt. Die nigerianische, international agierende Künstlerin hat bereits für das Weltkulturen Museum in Frankfurt ein Projekt durch intensive Recherchen in den Depots dieses Ethnographischen Museums entwickelt. Hier in Essen fand sie ebenfalls Objekte einer Weltkunst-Sammlung vor, die zu großen Teilen vom Museumsgründer Karl Ernst Osthaus um 1900 zusammengetragen wurde. Doch schien ihr diese Sammlung so vielseitig und die übrigen Sammlungen des Museums so reichhaltig, dass sie sich für einen anderen Weg der Annäherung entschied.

Die Künstlerin lud Mitarbeiter des Museums ein, sich mit einem Objekt ihrer Wahl fotografieren zu lassen – an den verborgenen Orten des Museums, in den Depots. Auf diese Weise kam sie mit Kuratoren und Restauratoren über ihre fachlichen Kriterien und persönlichen Motive ins Gespräch. Der Leiter des Deutschen Plakat Museums im Museum Folkwang, René Grohnert, wählte zum Beispiel eines der einflussreichsten Plakate der deutschen Werbegeschichte: ein Werbeplakat für das Schuhhaus Stiller. Die Plakate im Hintergrund der Aufnahme weisen auf vergangene Veranstaltungen in Essen hin wie zum Beispiel eine Gartenschau oder ein Konzert in der Gruga-Halle. Nkanga macht auf diese Weise den Ort sichtbar, an dem sich das ausgewählte Objekt befindet. Dieses Bild der Plakate hat Nkanga stellvertretend für die Institution Museum als Plakatmotiv ausgewählt, stellvertretend für den Komplex von Objekt, Wissenschaft, Speicher, Kurator und Betrachter. Im Rahmen des Projektes 25/25/25 wird sie dieses Plakat in der Stadt Essen plakatieren lassen und bringt auf diese Weise die Institution Museum den Menschen im Alltag näher.

Der Museumsdirektor, die Kuratoren, Restauratoren und Assistenten wählten die Objekte nicht nur unter Berücksichtigung ihres institutionellen Kontextes aus: Tobia Bezzola zeigt eine Fotografie von Robert Frank, dessen Werk er demnächst ausstellen will, der Sammlungskustos Mario von Lüttichau eine Baule-Statuette aus Afrika, weil diese in der Weltkunstsammlung von herausragender Bedeutung ist. Die Restauratorin Silke Zeich suchte einen japanischen Korb wegen seiner Schönheit und handwerklichen Perfektion aus. Der Leiter der Fotografischen Sammlung, Florian Ebner, eine humorvolle Porträtfotografie von Eugene Richards. In Folge der Diskussionen mit der Künstlerin wählte ich selbst einen Gebrauchsgegenstand, einen alten, patinierten Weihwasserkessel. Warum befindet sich ein solcher Gegenstand im Museum Folkwang? Das Museum ist in seinen Anfängen mit einer Sammlung von angewandter Kunst ausgestattet worden, die auch als Vorbildsammlung dienen sollte. Auf einer alten Inventarkarte ist eine handschriftliche Notiz zu finden, die auf ein ästhetisches Paradigma der Moderne anspielt: Der künstlerische Wert beruhe nur auf der schlichten Form des Gegenstandes. Für den Hintergrund dieser Aufnahme wählte Nkanga Kunstwerke, die auf die untergegangene Essener Stahlindustrie hinweisen: Hochöfen und eine Fotografie Candia Höfers von einem prunkvollen Saal in der Villa der Familie Krupp. Durch die Interviews und die Fotografien hat Otobong Nkanga ein vielgestaltiges Porträt der Institution erstellt, das in Form eines Postkartenbuches publiziert werden wird.

Während ihrer Recherchen stieß Nkanga auf die Marmorhand. Von ihr ausgehend entwickelte sie für das Museum eine vielschichtige Installation. Das Skulpturenfragment selbst stammt vermutlich aus Gandhara im heutigen Afghanistan. Lange Zeit hat man sie als Hand eines griechischen Diskurswerfers interpretiert, bis sie als Fragment eines Buddhas identifiziert wurde. Die Entdeckung buddhistischer Statuen im Stil der griechischen Antike war in den 1920er Jahren eine Sensation in Europa gewesen, die als Verschmelzung von Europa und Asien, von abendländischem Realismus und indischem Spiritualismus gedeutet worden war. Die Form dieser Hand geht auf den dynamischen Realismus der westlichen, hellenistischen Kunst zurück, die der Tross des makedonischen Eroberers Alexander in die Region brachte. Ihre Funktion und geistiger Inhalt gehen hingegen auf die meditative Stille des östlichen Buddhismus zurück. Als sich diese Religion im 1. Jahrhundert in Gandharra verbreitete war sie im Wesentlichen noch bildlos gewesen. Die Tradition des griechischen Realismus prägte die Bildsprache der buddhistischen Kunst und breitete sich über die Handelsrute der Seidenstraße weiter nach Osten aus, man könnte auch von einem frühen Fall von Globalisierung sprechen.

Überliefert sind von dieser kulturellen Synthese nur steinerne Fragmente. Erst zerstörten die Hunnen die Kultstädten im 5. Jahrhundert. Später wurden viele der Bildwerke dem Abbildverbot des Koran entsprechend zerschlagen, als der eine Glaube den anderen ablöste. Für europäische Altertumsforscher und Sammler hatten und haben Fragmente allerdings einen besonderen Reiz: Sie beflügelten ihre Phantasie und man kann ihrer in dieser Form leichter habhaft werden. Im Nachhinein lässt sich meist kaum feststellen, ob ein Fragment gefunden worden ist oder abgeschlagen wurde, zum Beispiel von einer in den Fels gehauenen Statue. In den 1920er Jahren waren im Museum Folkwang zahlreiche buddhistische Bilderwerke ausgestellt; bildhauerische Werke aus Gandharra waren eine bedeutungsvolle Ergänzung. Aber nicht nur ihre Schlichtheit faszinierte Vertreter der neuen Ästhetik der Zeit, auch die Philosophie des Buddhismus fand viele Anhänger unter den modernen Künstlern, man denke nur an Johannes Itten oder auch den Schriftsteller Hermann Hesse. Diese Geschichte der Hand geriet allerdings durch den II. Weltkrieg in Vergessenheit, bei einem Bombentreffer war die Hand im Schuttberg verschüttet worden. Nach ihrem Wiederauffinden als Fragment unter Fragmenten konnte sie keiner mehr zuordnen und so wurde sie als Hand eines zerstörten griechischen Diskurswerfers inventarisiert. Auch diese Interpretation bietet für die Künstlerin einen Anknüpfungspunkt für das Narrativ der europäischen Kunst.

In großformatigen Zeichnungen deutet Otobong Nkanga das Fragment als Metapher für die Vergänglichkeit unseres Glaubens in die Magie der Objekte. Das europäische Verständnis ist auch nicht frei von dem Glauben an Magie, an die Magie der Kunst. Die Künstlerin lies einen Spruch auf bunte Bänder drucken, von denen sich der Besucher ein Stück abschneiden kann, um diesen Teil des Kunstwerkes mit nach Hause zu nehmen: „Ist Got mit uns we kan weder uns“. Der Spruch stammt von dem bronzenen Kessel, den ich für die fotografische Aufnahme ausgesucht hatte. Als Weihwasserkessel repräsentiert er einen Glauben an die Magie der Materie, denn der Kontakt mit dem gesegneten Wasser soll einen Segen übertragen. Es ist eine merkwürdige Koinzidenz, dass dieser Kessel vermutlich mitten im 2. Weltkrieg gekauft worden ist als das Museum Folkwang von den Nationalsozialisten um die verfemte moderne Kunst gebracht worden war.

Die Berührung von Objekten mit den Händen thematisiert Nkanga immer wieder in ihrem Werk. In manchen Zeichnungen sind den Menschen die Hände abgeschnitten und ihnen ist somit der Tastsinn geraubt worden oder aber sie sind statt der Hände über Stöcke mit den Objekten verbunden. Die Hand und der Tastsinn sind für die Künstlerin essentiell für die emotionale Annäherung von Subjekt und Objekt. Die Kunst der Otobong Nkanga ermöglicht es dem Besucher, seine Betrachterposition zu erweitern und aus einer Vielfalt von Perspektiven auf die Objekte des Museums zu schauen.

Otobong Nkanga
Tracing Confessions, Detail, 2015
Acryl auf Papier
Courtesy of the Artist, © Foto: Museum Folkwang, Jens Nober

Otobong Nkanga
Tracing Confessions, Detail, 2015
Acryl auf Papier
Courtesy of the Artist, © Foto: Museum Folkwang, Jens Nober

Otobong Nkanga
Triggers: René Grohnert with the 1908 Lucian Bernhard Poster Stiller, 2015
Poster für das Projekt 25/25/25 der Kunststiftung NRW
Courtesy of the Artist, © The Artist & Kunststiftung NRW